Sonntag, 8. Oktober 2017

Heimliches Gift - Fortsetzung Kapitel 1


Am nächsten Tag, einem Samstag, hatte Ruth Gelegenheit, die ganze Familie Niemann kennenzulernen: die Trauerfeier. Sie hatte ihr dunkles Kostüm hervorgeholt, das für solche und ähnliche Anlässe vorgesehen war. Sie fand, dass es gut zu ihren grauen Haaren passte, außerdem versteckten sich ihre Pölsterchen freundlicherweise unter der locker geschnittenen Jacke.
Der Allzweckraum mit dem Namen Wuppertal hatte sich in eine Andachtsstätte verwandelt. Große Messingkerzenleuchter, üppige Blumengebinde. Darunter die Urne. Stühle in einem Halbrund angeordnet. Ganz vorn saßen drei schwarzgekleidete Herren neben ebenso schwarzgekleideten Damen, die Familienangehörigen. Ein geistlicher Herr hielt eine kurze Andacht, fand sehr persönliche Worte. Die Damen weinten. Einer der Söhne sprach ebenso zur Trauergemeinde. Ruth wunderte sich, wie gut Niemann noch aussah, er musste die achtzig überschritten haben. Er hatte Ähnlichkeit mit einem Schauspieler, der gern Nusspralinen mochte und sie im Fernsehen bewarb … Wie heißt er doch gleich? Sky Dumont.

Ruth hatte den Eindruck, dass sich die Trauer unter den Anwesenden in Grenzen hielt. Was für ein Mensch mochte Gertrud Niemann gewesen sein? Ein Nachbar aus dem Haus, er saß rechts neben ihr, schien allerdings sehr ergriffen zu sein, er weinte und seine Frau musste ihn trösten.
Man bat zum anschließenden Leichenschmaus in einem Nebenraum, genau wie bei einer Beerdigung. Es war eine Kaffeetafel gedeckt und das Ritual nahm seinen Lauf. Es dauerte allerdings nicht lange, bis die Gesellschaft sich auflöste. Ruth ging ganz in Gedanken versunken in Richtung Fahrstuhl und schreckte hoch, als sich einer der Söhne zu ihr gesellte.
„Sie haben meine Eltern gut gekannt, nicht wahr?“, fragte er. „Ich habe Sie beim Geburtstag meiner Mutter gesehen.“ Ruth erinnerte sich auch und antwortete, dass sie seine Mutter leider nur kurz gekannt hatte, wohl aber den Vater aus ihrer Berufszeit kenne.
„Wir waren so überrascht von ihrem plötzlichen Tod.“ Er machte eine Pause und sprach leise weiter: „Wie gern hätten wir noch Abschied genommen.“
„Ja, es ist immer zu früh, selbst wenn eine lange Krankheit zu schaffen macht.“
“Sie hatte uns dringend gebeten zu kommen, dann war es zu spät. Was mag sie gewollt haben?“, fügte er noch an. Die letzten Worte waren offensichtlich nicht für Ruth bestimmt, so leise hatte er gesprochen. Er nickte ihr zu und zog seine Frau an seine Seite, die bisher neben einer jüngeren Frau gegangen war. Ruth kannte sie aus der Arztpraxis am Markt, Frau Doktor Weise. „Die Nichte“, wisperte eine Nachbarin ihr zu.

„Frau Niemann ist wohl tatsächlich ganz plötzlich gestorben, sie hatte ihre Söhne gebeten zu kommen – sie kamen zu spät.“ Ruth saß wieder in Evelines Wohnung und berichtete.
„Woher weißt du das denn?“
„Einer ihrer Söhne hat es erwähnt.“
„Vielleicht wollte sie ihr Testament ändern und ihr Mann hat es verhindert.“ Eveline lächelte vergnügt, endlich wieder eine Abwechslung. Ruth war empört, oder tat sie nur so? Sie wusste es selbst nicht.
„Eveline! Liest du die Krimis oder ich?“
„Du, aber ich habe Fantasie.“ Sie sahen sich stumm an, jede wusste von der anderen, was sie dachte: Das mit dem Testament kann stimmen. Eveline ging einen Schritt weiter. „Könnte auch Sterbehilfe gewesen sein.“
„Ja, stimmt. Nach einer langen schweren Krankheit, da möchte man vielleicht nicht mehr weiterleben. So – jetzt hast du die Auswahl, liebe Eveline.“
„Ja, nach einer langen schweren Krankheit dann ‚plötzlich und unerwartet‘ … Und wie finden wir das heraus?“ Eveline rutschte aus ihrem Sessel nach vorn.
„Wir?“, fragte Ruth und blickte ihre Freundin herausfordernd an.
„Ja, wir, bisher waren wir doch erfolgreich mit unseren Theorien.“ Da ist was dran.
„Es gibt da eine Nichte, die Ärztin ist.“
„Ha! Ärztin!“
„Das wäre die Richtung Sterbehilfe. Mord wäre wohl die Sache des Ehemannes.“ Ruth ließ sich mitreißen, auch sie spekulierte gern. Das war ihr Ausgleich zu einem nüchternen Beruf gewesen und jetzt zu einem ziemlich langweiligen Lebensabend.
„Das ist eine Aufgabe für die nächsten Wochen“, meinte Eveline und lehnte sich wieder in ihren Sessel zurück. Sie leckte sich ihre tiefrot geschminkten Lippen, ihre Augen leuchteten, ganz die alte Eveline, dachte Ruth. Sie sieht wohl schon die Beute vor Augen.



Telefon: „Hast du Lust auf einen Sonntagsnachmittagskaffee?“ Eveline klang unternehmungslustig.
„Ja, warum nicht? Wo?“
„Was hältst du von einem Besuch in der Cafeteria, Leute begucken.“ Eveline.
„Ich setz‘ mich in Bewegung, bis gleich.“ Das machte Ruth auch und fuhr mit dem Aufzug hinunter ins Erdgeschoss. Mit ein paar Schritten nach rechts war sie vor den Glastüren der Cafeteria, die sich auf Annäherung öffneten. Altengerecht, dachte sie mal wieder. Sie war früher da als Eveline und suchte einen Platz nahe bei den Fenstern auf der gegenüberliegenden Seite aus. Leider gab es zu dieser Jahreszeit draußen nicht mehr viel zu sehen; in dem kleinen Garten war es herbstlich geworden, auch die letzten Rosen fast verblüht. Aber von hier aus hatte man den Blick frei auf die Türen, von wegen „Leute gucken“.
„So allein heute?“, fragte Frau Bauer, die netteste Bedienung, wie Ruth fand.
„Nein, Frau van Osten kommt gleich.“
„Frau van Osten, wie geht es ihr denn? Das war eine schlimme Zeit, als sie im Koma lag.“ Im Haus am Kirchberg blieb nichts verborgen, das wusste Ruth seit langem.
„Ach, es geht wieder ganz gut, Sie werden es selbst sehen.“
Und da kam sie, wie immer tiptop gekleidet. In Samt und Seide, so nannte sie das selbst, auch wenn es mal Baumwolle war.
An der Kuchentheke wurde beratschlagt, was denn wohl am besten schmecken würde und man entschied sich heute für Champagnertorte. Ruth schweren Herzens, sie überschlug die Kalorienanzahl des heutigen Nachmittags und warf einen neidischen Blick auf die zarte Figur ihrer Freundin Eveline. Sie selbst bezeichnete sich schon mal als kompakt.
Frau Bauer brachte neben der Torte den obligatorischen Milchkaffee an den Tisch und verkniff sich eine Bemerkung zu den überstandenen Wochen. Nur ja nichts Negatives ansprechen –  Devise des Hauses, in dem sehr viel Negatives passierte. Der Schwund ist groß, pflegte Eveline zu sagen. Worauf Ruth für gewöhnlich den Kopf schüttelte und sagte: „Ach, Eveline.“
Die Champagnertorte war schnell verspeist, ein zweiter Milchkaffee bestellt. Die Ausbeute an Leuten, die sich zu begucken lohnte, war heute mäßig, obwohl die Cafeteria sehr gut besetzt war.
„Übrigens sehe ich eben Hanne Hauser – du weißt schon –  hereinkommen, sie geht zur Kuchentheke.“ Neben dem Eingang hatten sie die Kuchentheke links davon im Blick.
“Kannst du sie nicht fragen, ob sie an unseren Tisch kommen möchte?“
„Ja, warum nicht. Sie ist ganz nett. Ich geh zu ihr.“
Hanne Hauser war offensichtlich erfreut über die Einladung an den Tisch, denn es war recht voll in der Cafeteria, das Übliche an einem Sonntagnachmittag. Ziemlich viele Gäste – die einen gern bei Oma und Opa, sie unterhielten sich lebhaft; andere schienen sich zu langweilen und stopften mürrisch Kuchen in sich hinein.

„Ich darf mal bekanntmachen … eine alte Freundin … eine alte Kollegin.“ Ruth stellte vor und nannte die Namen. Hanne war recht konventionell gekleidet, Rock und Bluse, was gut zu ihrem Typ passte. Schlank und ein wenig sportlich, auch die Frisur, dunkelblondes Haar. Ruth sah Eveline an, dass sie das mit einem Blick erfasste und sich vielleicht fragte, ob die Haare gefärbt waren.
Eveline, neugierig wie immer, fasste die „alte Kollegin“ gleich am Arm, als sie sich neben sie gesetzt hatte, und fragte: „Waren Sie gestern auch bei der Trauerfeier?“
Ruth erstarrte und wusste nicht, wohin sie schauen sollte. Sie sah hinaus in den Garten und bekam nicht mit, welchen Gesichtsausdruck die Frage bei Hanne Hauser hervorrief.
„Ach nein“, sagte die ganz ruhig, „mit Trauerfeiern hab‘ ich es nicht so. Und wenn Sie die Trauerfeier Niemann meinen, ich war gar nicht dazu eingeladen.“
Ruth wandte sich ihr jetzt zu und sagte: “Oh, je, ich bin uneingeladen hingegangen. Das ist mir jetzt peinlich.“ Das war es tatsächlich. Hatte sie sich aufgedrängt? Sie hatte nicht den Eindruck gehabt, dass man sich über ihre Anwesenheit gewundert hatte.
„Ich kenne die Familie Niemann natürlich, aber – wie gesagt – Trauerfeiern sind nicht so mein Ding. Sollen hier im Haus immer sehr würdig ausgerichtet werden, habe ich mir sagen lassen.“ Hanne Hauser wandte sich ihren Bestellungen zu, Ruth und Eveline wünschten „guten Appetit“ und wussten beide nicht recht, was sie nun sagen sollten. Hanne Hauser vielleicht auch nicht, aber die hatte einen Grund zu schweigen: Kaffee und Kuchen.
„Frau Niemann soll lange krank gewesen sein.“ Eveline schreckte wieder vor nichts zurück. „Ich kannte sie gar nicht, bin noch nicht lange im Haus und war eine Zeitlang im Krankenhaus.“
„Ja, ich weiß, Sie hatten einen schweren Unfall, wurde viel darüber geredet.“ Auch Hanne Hauser schreckte vor nichts zurück. Gar nicht der Stil des Hauses am Kirchberg. Eveline schwieg, die Ursache für ihren Krankenhausaufenthalt lag im Dunklen, sie selbst erinnerte sich an nichts.
Ruth versuchte, von Krankheit und Trauerfeiern weg zu kommen und wandte sich an Eveline.
„Frau Hauser und ich haben uns vor langen Jahren auf einer Fortbildung kennengelernt, daher duzen wir uns.“
„Anschließend sind wir dann in verschiedene Referate der OFD, Oberfinanzdirektion, versetzt worden“, fuhr Hanne Hauser zu Eveline gewandt fort. „Daher kenne ich übrigens Herrn Niemann, er war unser Chef. Die OFD Düsseldorf haben sie irgendwann aufgelöst.“
Bevor sich die beiden Pensionärinnen in ein Fachgespräch vertiefen konnten, unterbrach Eveline sie. „Und wie waren die Chefs damals so?“
Hanne Hauser pickte die letzten Kuchenkrümel auf und lachte. „Der Niemann war von Anfang an sehr nett, nicht wahr? Anders als deine spätere Chefin, die Schlosser. Ich weiß, dass du dich oft über sie geärgert hast.“
„Stimmt, so was von pingelig.“ Ruth wunderte sich, dass Hanne so unbefangen von Niemann sprach, sollten die Gerüchte nur Gerüchte gewesen sein?

„Unbefangen?“, sagte Eveline später, als sie wieder alleine waren und über ihre Eindrücke sprachen, „eiskalt!“

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