Montag, 23. Oktober 2017

Heimliches Gift Kapitel 2 bis zum Ende

Inzwischen formatiert

„Tja, Eveline, auf diese Mordermittlung werden wir wohl verzichten müssen. Da werden wir nichts herausfinden können.“ Ruth hielt den Telefonhörer etwas weiter vom Ohr weg, sie konnte sich denken, was jetzt kommen musste.
„Das sehe ich nicht ein! Da bleiben wir dran! Weißt du was Neues? Raus damit. Komm sofort her!“
„Ich komm‘ ja schon. Bis gleich.“ Ruth zog noch eben eine Strickjacke über und fuhr mit dem Aufzug von der fünften auf die dritte Etage, Treppensteigen war zurzeit nicht so angesagt, ihr Rücken schmerzte mal wieder.
„Komm‘ rein. Du weißt doch was? Mit wem hast du gesprochen? Nun red‘ doch.“ Ruth ließ sich von Eveline ins Wohnzimmer bugsieren und fiel auf einen der Sessel.
„Eins nach dem anderen, liebe Eveline. Ich habe eben mit der Ärztin telefoniert; sie hat mich angerufen und darum gebeten, mit niemanden über ihre Vermutungen zu sprechen.“ Ruth verzog ihr Gesicht, sie hatte tatsächlich ein schlechtes Gewissen.
„Das waren Ablenkungsmanöver, diese Mordvermutungen. Sie will von sich ablenken. Sie war’s.“ Oh, je, Eveline beharrt auf ihrer Ursprungsidee.
„Nein, nein, das glaube ich nicht. Warum hätte Frau Niemann ihr Leben beenden sollen, obwohl sie diese Pläne hatte.“
„Diese Pläne?“, fragte Eveline.
„Na, ja, die Söhne sprechen – das Testament ändern. Nüchtern betrachtet ist das Einzige, was wir tatsächlich wissen, die Tatsache, dass die Söhne herbeigerufen wurden. Wozu, das wissen wir nicht.“
„Ja, stimmt. Wer bringt sich um, wenn die Kinder erwartet werden. Vielleicht wollte die Nichte diesen Besuch verhindern?“ Eveline legte ihr Köpfchen schief und Ruth hatte das Gefühl, dass sie sie herausfordern wollte.
„Ach, Eveline, was soll denn das? Gestern warst du noch der Meinung, dass Frau Niemann „einfach so“ gestorben ist.“
„Das war gestern, ab heute ermitteln wir in alle Richtungen.“ Jetzt hatte Eveline sich aufgerichtet und sah tatsächlich herausfordernd aus. Ruth konnte nicht anders und fing an zu lachen. Ein Leben ohne Eveline wäre langweilig, dachte sie.
„Zurück zu den Fakten, Frau Hauptkommissarin.“ Ruth machte einen bei ihnen üblichen Scherz, wurde dann wieder ernst. „Dem Arzt, der den Totenschein ausgestellt hat, ist nichts Besonderes aufgefallen. Nicht alle Toten sehen friedlich aus; ich glaube, das sagt man so, um die Angehörigen zu beruhigen“
„Hat sie den Totenschein nicht selbst ausgestellt?“
„Nein, sie hat einen Kollegen gebeten. Wollte wohl verhindern, verdächtigt zu werden, so wie jetzt von dir.“ Das musste sie sagen. Eveline nahm es anscheinend nicht übel, ihr Gesichtsausdruck ließ eher darauf schließen, dass sie bei ihrem Verdacht gegen die Ärztin blieb.

Die Gespräche am Mittagstisch waren betont harmlos: das Essen, das Wetter, der Nachmittag im Computer-Club, Evelines bevorstehender Besuch bei der Kosmetikerin.

„Man sollte öfter zur Kosmetikerin gehen – sehr aufschlussreich.“ Eveline am Telefon, kaum, dass Ruth nach ihrer Rückkehr aus dem Computer-Club ihre Wohnung betreten hatte.
„Lass mich mal erst zur Ruhe kommen. Ich habe einen anstrengenden Nachmittag hinter mir“, sagte Ruth etwas unwirsch. Sie kam sich vor, wie der Ehemann, der sich bei seiner Rückkehr aus der feindlichen Welt von seiner Ehefrau belästigt fühlt. Aber das war keine lästige Ehefrau, das war Eveline und die ließ sich nicht leicht abschütteln, das wusste Ruth. Sie sank also im Mantel, der immer noch nass war vom Regen in Gerresheim, in einen Sessel.
„So, bitte, ich höre.“
„Du ahmst jetzt schon die Kommissare aus dem Fernsehen nach.“
„Was? Wie? Was meinst du?“
„Na, die sagen immer kurz und knapp ‚ich höre‘.“
„Ja, stimmt. Und was gibt es Neues?“
„Sterbehilfe.“ Wieder zurück auf Anfang.
„Aha.“ Beinahe hätte Ruth gefragt „wer mit wem“, aber das schien ihr doch nicht passend – obwohl, Eveline lachte gern.
„Das ganze Haus spricht davon, sagt die Kosmetikerin.“
„Es geht um Frau Niemann, nehme ich an.“
„Um wen sonst?“, fragte Eveline schnippisch.
„Und wer?“
„Die Schwägerin!“
„Schwägerin? Kennen wir die?“
„Ich nicht.“ Pause. „Die Schwester von Niemann!“
„Ach ja. Die Ärztin sprach von ihr, Stichwort Homöopathie.“
„Die hat ein Motiv!“
„Und welches?“
„Ihrem Bruder zuliebe.“
„Versteht ich nicht.“
„Der sollte enterbt werden.“
„Ja, klingt logisch. Aber das nennt man dann nicht Sterbehilfe – sondern Mord.“
Eveline schwieg. Eine ganze Weile. Dann kam eine kleine Stimme durchs Telefon: „Stimmt.“
„Das hättest du der Kosmetikerin doch gleich sagen können, als sie vom Motiv sprach.“ Pause.
„Hat sie gar nicht. Das hab‘ ich eben dazu erfunden.“
„Eveline.“
„Ja, ich geb’s zu, das sind Äpfel und Birnen.“ Aufgelegt. Böse?

Eigentlich, eigentlich hatte Eveline doch Recht. Wie wäre die Version: Mord unter dem Deckmantel von Sterbehilfe? Dann müsste man tatsächlich nach einem Motiv suchen. Wer kam in Frage und hatte ein Motiv? Frau Doktor Weise, die Nichte, kam in Betracht, hatte jedoch kein Motiv. Die Schwägerin kam in Betracht, sie hatte Zugang zu Frau Niemann und könnte ein Motiv haben, Bruderliebe. Also musste Ruth bei Eveline Abbitte tun. Ihr Ton war nicht gerade freundschaftlich gewesen. Nein, jetzt war sie müde, es reichte gerade noch dazu, sich ein einfaches Abendessen zusammenzustellen, Brot, Butter, Schinken, Käse. Eine kleine Flasche Budweiser. Appetitanregend war anders. Dann in den bequemen Sessel und gehofft, dass bei Arte mal wieder eine der interessanten Serien anfing. Ein Kessel Buntes an menschlichen Niederträchtigkeiten, mal in der Familie, mal in der Politik.

Beim Mittagessen am Freitag mit viel Salat und leckerem Fisch unterbrach Ruth das Schweigen, mit dem Eveline sie belegte.
„Wir müssen uns noch einmal unterhalten, meine liebe Eveline.“ So versuchte sie zu säuseln. Eveline blickte stumm auf ihren Teller.
„Ich habe nachgedacht.“
„Ach.“ Retourkutsche – das „Ach“ kam häufig von Ruth.
„Vielleicht haben wir doch einen Fall.“ Oh, Gott, was hatte sie denn da gesagt.
„Ach.“
„Eveline, nun sei doch nicht so abweisend. Du hast doch bestimmt ein paar neue Gedanken.“ Vielleicht lockt sie das aus der Reserve.
„Ja.“
„Heute Nachmittag um drei in der Cafeteria?“
„Um halb vier bei mir.“

Ruth holte eines der kleinen Bücher mit hübschen Bildern und hübschen Gedichten aus ihrem Fundus. Sie musste die Stimmung aufhellen und trat nun ihren Weg nach Canossa an. Innerlich grinste sie dann doch über diesen Vergleich. König Heinrich hatte seinen Gang nach Canossa mitten im tiefsten Winter in den verschneiten Alpen angetreten und nicht auf dem Weg zu einem Freund, sondern zu seinem schlimmsten Feind, dem Papst. Grinsend stand sie also vor Evelines Korridortür und klingelte. Diesem Grinsen konnte Eveline wohl nicht widerstehen, sie schloss Ruth in ihre Arme und alles war gut. Den Vergleich mit Canossa wies sie weit von sich: Seh‘ ich etwa aus wie der Papst?
Eveline musste schon vorher versöhnlich gestimmt gewesen sein. Ruth sah es daran, dass der Tisch vorm Fenster liebevoll gedeckt war. Eveline hatte sogar Kuchen aus der Cafeteria geholt, wollte wohl ihr eigensinniges Beharren auf einer von ihr vorgeschlagenen Zeit und einem anderen Ort vergessen machen. Vergeben und vergessen. Über das kleine Geschenk freute sie sich und zitierte gleich eines der witzigen Gedichte.
„Weißt du, was mir eingefallen ist? Diese Schwägerin war Apothekerin. Die Nichte hat es nebenbei erwähnt.“
„Großartig!“ Eveline schwang ihren Kaffeelöffel durch die Luft. Ruth hätte einen anderen Ausdruck gewählt, sei’s drum. Es war eine Spur.
„Sie hat Frau Niemann mit homöopathischen Mitteln versorgt, aber daran stirbt man nicht, sagt die Ärztin.“
„Mag sein, aber sie ist tot.“
„Zugegeben, sie kann ihr Tabletten untergeschoben haben, die arme Frau musste wahrscheinlich ständig etwas einnehmen.“
„Wir müssen unbedingt etwas über diese Schwägerin herausfinden. Die Kosmetikerin hat ihren Namen genannt, leider habe ich ihn nicht behalten. Bucher oder Burger, jedenfalls etwas mit U. Mist.“
„Bucher, ja, Bucher, ich habe doch vorigen Samstag noch neben ihr gesessen, bei der Trauerfeier, jetzt erinnere ich mich.“ Ruth wollte Eveline eigentlich zustimmen, aber sie dachte, dass man es dieser Frau Bucher wohl kaum ansehen würde, ob sie Giftpillen verteilte. Sie lehnte sich in ihrem Sessel zurück und schwieg.
Eveline dagegen rutschte auf ihrem Sessel nach vorn und meinte: „Für die Version Sterbehilfe haben wir damit zwei Personen, die es gewesen sein könnten: die Ärztin und die Schwägerin.“
Ruth seufzte und schwieg weiter. Wie hätte die Schwägerin der Kranken die Tabletten verabreichen können? Ob nicht vielleicht doch die Homöopathie-Tropfen die schuldigen waren? Ruth wäre die Schwägerin als Täterin lieber als die freundliche Ärztin.
„Wie kann die Schwägerin es fertiggebracht haben, dass Frau Niemann die tödlichen Tabletten einnahm?“, fragte sie also.
„Sie kann sie in die normale Packung geschmuggelt haben.“ Evelines Idee.
„Ob sie wohl wusste, wie viel Tabletten erforderlich waren?“
„Na, als Apothekerin doch sicher.“
„Es kann natürlich auch etwas in einem Fläschchen gewesen sein.“  Ruth war eingefallen, dass die Ärztin von einem Fläschchen und einer Tablettenpackung auf dem Nachttisch gesprochen hatte.
„Wie mag sie das Gift wieder aus der Wohnung herausbekommen haben?“ 
Der Ehemann hatte natürlich längst aufgeräumt und beides in den Müll befördert.
„Das wird ein hartes Stück Arbeit“, befand Eveline.
Wenn die Überlegungen mal von Sterbehilfe ausgehen und mal von Mord, wie kommt man auf diese Weise zu Ergebnissen?
Kapitel 3 folgt

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