Dienstag, 17. Oktober 2017

Heimliches Gift Kapitel 2


Kapitel 2 Anfang

Heute Mittag gab es keine Hinweise darauf, dass ein Arztbesuch fällig sein könnte. Ruth und Eveline saßen an ihrem Tisch und unterhielten sich – übers Wetter. Ruth hatte das Gefühl, dass ihre liebe Eveline auf der Lauer lag. Sie wusste, dass gestern Abend der Geschichtsverein getagt hatte und hoffte wohl auf Neuigkeiten. Ruth blieb stark. Ihre Meinung war nach wie vor, dass man über Sterbehilfe nicht plaudern sollte. Das Thema war ernst und es konnte Folgen haben, jemanden zu bezichtigen.

Das hielt sie nicht davon ab, während ihrer Fahrt zum Computer-Club darüber nachzudenken. Das wäre doch ein Thema, über das im Internet viel zu erfahren ist und ihre „Schüler“ und „Schülerinnen“ würden sich gewiss dafür interessieren.
Ruth kam regelmäßig am Dienstag und am Donnerstag jeder Woche, in den Computer-Club in Gerresheim. Immer wieder kamen neue Interessenten, die sich mit dem Umgang am Computer vertraut machen wollten. Das hatte ihr im Haus am Kirchberg den Ruf einer Computerexpertin eingetragen. Da war etwas dran, denn sie hatte bereits während ihrer Dienstzeit mit einem PC arbeiten müssen. Seit neun Jahren war sie nun schon „in Pension“. Seitdem fuhr sie in diesen Club in Gerresheim. Zunächst aus der Innenstadt von Düsseldorf, wo sie gewohnt hatte, nun aus Erkrath. Der Computer-Club war in einem früheren Ladenlokal am Rand des Gerricusplatzes eingerichtet worden.
Ruth fand sogar einen Parkplatz nicht weit vom Club, gleich vor der Basilika Sankt Margareta – der Stolz der Vorstadtgemeinde Gerresheim. Und sozusagen der Beweis dafür, dass Gerresheim älter ist als Düsseldorf, zu dem es seit fast hundert Jahren als Stadtteil gehörte.
Das Thema Sterbehilfe wurde dankbar aufgegriffen und es entspann sich eine wilde Suche mit anschließender ebenso wilder Diskussion. Es hatte wieder eine Änderung der Rechtslage gegeben,

Nach anregenden zwei Stunden wollte Ruth nach Hause, fühlte sich wieder einmal von der offenen Kirchentür eingeladen. Sie hatte die Kirche lieben gelernt, sie war wie gewöhnlich leer um diese Zeit. Ruth setzte sich in die letzte Bankreihe, um in Ruhe nachdenken zu können. Sie überlegte, wie sie sich verhalten hätte, wenn Klaus, ihr verstorbener Mann, oder ihre Mutter sehr krank gewesen wären und sie um Hilfe gebeten hätten. Sie war bisher immer zu dem Schluss gekommen, dass sie sich geweigert hätte, auch wenn die Krankheit weit fortgeschritten gewesen wäre. Gott sei Dank hatte sie sich nie entscheiden müssen, beide waren friedlich eingeschlafen. Zuerst Klaus, der viele Jahre älter gewesen war als sie, dann ihre Mutter. Von da an war sie ganz allein.

„Weichst du mir aus?“, fragte Eveline recht provozierend am Telefon. Ruth hatte es sich kaum bequem gemacht in ihrem Lieblingssessel. Sie seufzte einmal tonlos und fasste einen Entschluss.
„Ich weiche nicht aus – ich geh‘ morgen Nachmittag in die Sprechstunde.“ Ihr Ton war heftiger als sonst gegenüber Eveline. Sie fasste ihre Entschlüsse eigentlich lieber freiwillig. Aber sie wusste – Eveline würde keine Ruhe geben.
„Ich weiß, wie du etwas erfahren kannst.“ Pause. Soll wohl Spannung erzeugen.
„Und wie?“, stellte sie die erwartete Frage.
„Frag nach Fingerhut.“ Wie bitte?
„Nach Fingerhut, aha.“ Irgendwo regte sich eine Erinnerung in Ruths Gehirn. Blaue Blumen – sehr giftig – Digitalis – Herzmedikamente. Aha.
„Du hast Recht, Eveline, das bringt mich zum Thema: Tod durch Vergiften. Und nun wünsche ich dir eine gute Nacht. Träum was Schönes.“



„Guten Tag, Schwester Jana, ist Frau Doktor Weise schon da?“ Ruth war in die unteren Räume des Hauses am Kirchberg gefahren, in den Bereich, der sich Ambulante Pflege nannte, hier sollte das Sprechzimmer Weise sein.
„Nein, leider noch nicht, sie hat sicher noch etwas in der Praxis zu erledigen.“
„Bisher bin ich dorthin gegangen, habe erst vor kurzem von dieser Sprechstunde gehört. Ist doch sehr praktisch für uns.“
„Ja, stimmt. Bis vor ein paar Monaten kam sie ins Haus und besuchte die einzelnen Patienten. Das war ziemlich zeitaufwändig und sie konnte nicht alle aufsuchen. Jetzt kommen sie hierher und besprechen ihre Wehwehchen.“ Schwester Jana lächelte.
„Meine Wehwehchen halten sich in Grenzen, ich brauche nur ein Rezept.“
„Kein Problem, das kann ich Ihnen ausdrucken und die Frau Doktor muss es nur noch unterschreiben. Das geht ganz schnell.“ Verdammt.
„Also, ein paar Worte muss ich doch mit ihr wechseln, einfach nur weiter wie bisher, das ist leichtsinnig.“ Mehr fiel Ruth nicht ein und sie verschwand erst einmal, damit Jana nicht doch das Heft in die Hand nahm und sie vom Behandlungszimmer fernhielt.
Sie blieb im Gang stehen, der zurück zum Aufzug führte, und sah hinaus in den Garten. Nein, eigentlich kein Garten, das war eine Wiese. Wie immer kurz gemäht, ohne irgendein Blümchen. Blumen gab‘s erst am Rand, Herbstblumen, mochten sie noch so strahlend gelb leuchten.

„Hallo, warten Sie auf mich?“ Eine helle, freundliche Stimme, eine schlanke, jüngere Frau, halb den Arztkittel übergestreift. Die halblangen Haare hatte sie zu einem unordentlichen Pferdeschwanz zusammengehalten, ihre blauen Augen sahen Ruth prüfend an. „Kennen wir uns nicht? Waren Sie nicht am Samstag bei der Feier für meine Tante?“
„Ja, das war ich, ich bin Frau Bergmann, ich komme sonst in die Praxis am Markt.“
„Wollen Sie zu mir?“ Ja, Ruth wollte und folgte der Ärztin dicht auf, damit Schwester Jana nicht dazwischen gehen konnte und sie abdrängte. Sie musste da hinein.
„Ich muss erstmal verschnaufen“, sagte die Ärztin und ließ sich in ihren Bürostuhl fallen. Das Übliche, dachte Ruth und sah sich um: Schreibtisch, Computer – Bürobetrieb. In ihrer Kindheit hatten Arztpraxen ganz anders ausgesehen. Viel beeindruckender. An der Wand die „Bahre“, wie sie das schmale Gestell nannte, auf dem wohl Untersuchungen stattfanden.
Ruth hatte zwar darüber nachgedacht, wie sie das Gespräch beginnen könnte, jetzt fiel ihr nichts ein. Blöd.
„Eine schlimme Sache, das mit meiner Tante.“ Gut.
„Ja, sie soll so plötzlich gestorben sein, ihre Söhne waren entsetzt. Sie wollte wohl noch etwas mit ihnen besprechen und dann …“
„Ja, sie wollte ihr Testament ändern.“ Donnerwetter.
Anscheinend ging Frau Doktor Weise davon aus, dass Ruth eine Freundin der Familie war. Ruth wiegte nur den Kopf, jetzt nichts Falsches sagen.
„Irgendjemand wollte das verhindern.“ Die Ärztin klang bedrückt, Ruth glaubte, eine Träne in ihrem Auge zu sehen. Immer noch wusste sie nicht, was sie sagen sollte. Die Aufregung nahm ihr die Stimme. Dann begann sie stotternd: „Aber das könnte doch heißen, das würde doch heißen, dass sie keines natürlichen Todes gestorben ist.“
„Ich fürchte es.“ Nun saßen beide schweigend da.
Nach einer Pause begann die Ärztin wieder zu sprechen. „Meine Tante hatte schon länger davon gesprochen, dass sie nicht mehr leben wolle. Ihre Herzkrankheit machte ihr sehr zu schaffen. Ihr ganzer Körper war angegriffen, sie bekam so schlecht Luft. Sie tat mir so leid. Aber ich durfte ihr nicht helfen. Und wer weiß schon, wie ernstgemeint das Verlangen ist. Die Welt sieht Tag für Tag anders aus. “
Ruth fasste sich ein Herz und sagte: „Wenn Sie ihr nicht geholfen haben, wer dann?“
„Darüber habe ich nachgedacht, habe allerdings keine Ahnung, wem sie sich anvertraut hat. Ihrer Schwägerin vielleicht, die war oft bei ihr. Versorgte sie mit homöopathischen Mitteln. Aber der Zeitpunkt! Weil sie ihr Testament ändern wollte, hätte sie noch ein paar Tage durchgehalten, bis ihre Söhne da waren. Die sollten unterschiedlich bedacht werden. Auch ich sollte einen Teil erhalten.“ Sie schwieg und schluckte und schluchzte fast. Das Wort Mord stand im Raum.
„Sie ist sicher nicht friedlich eingeschlafen, habe ich gedacht, als ich sie fand. Andererseits sehen auch die Menschen, die Angst vor dem Tod haben, nicht friedlich aus. Der Todeskampf, Sie verstehen.“

Ruth stand auf ihrem Balkon und blickte in die Ferne. Ein leichter Nebel oder Dunst lag über der Kölner Bucht. Die beiden Kraftwerke waren nicht zu erkennen, nur ihre Abgaswolken zogen über den Horizont. Dass Neurath Deutschlands größtes Kohlekraftwerk ist, hatte sie inzwischen gelesen, ebenso, dass die Wolken, die bei klarem Wetter so strahlend weiß in den Himmel stiegen, große Mengen an Feinstaub enthalten.
Normalerweise genoss Ruth den Blick in die Ferne; ihre Augen wanderten von den Höhen der Ville, dem langgestreckten Ausläufer der Eifel, über die kleinen Städtchen und Dörfer, deren Kirchtürme sie inzwischen kannte. Sie wusste auch, zu wem die Schornsteine gehörten: Bayer Dormagen und Alu Norf zum Beispiel. Sie konnte sich sogar den Lauf des Rheins vorstellen: Sie sah die Pfeiler der südlichsten Düsseldorfer Brücke und ganz weit links die Vororte von Köln. Dazwischen musste der Rhein fließen, den sie seit Kindertagen kannte, mit Niedrig- und mit Hochwasser. Sie wusste von ihrer Mutter, dass er sogar einmal zugefroren gewesen war, im Winter 1942/1943, als sie selbst gerade ein halbes Jahr alt war. Ihre Mutter und eine Tante waren mit dem Baby Ruth auf den Fluss mit seinen großen Eisschollen gegangen, davon wurde schon mal erzählt. Ihr Vater war zu dieser Zeit schon tot. Er war Korvettenkapitän gewesen und von einer Fahrt nicht zurückgekehrt. Sie wusste nicht recht, ob er ihr gefehlt hatte. Vielleicht kommt daher mein Gefühl, dass ich alles allein schaffen muss, hatte sie oft gedacht.
Auch ihr Mann Klaus war längst tot, war kurz vor ihrer Mutter gestorben. Klaus war ebenso bei der Marine gewesen, allerdings nur als Maat. Geblieben war seine Liebe zum Meer und sein Wunsch, ein Boot zu besitzen. Das hatten sie eines Tages gehabt, hatten es stolz beim Bootsbauer abgeholt, eine Elf-Meter-Yacht, „Wotan“.

Ruth wusste genau, warum sie mit ihren Gedanken durch die Vergangenheit spazierte, sie wollte nicht über das nachdenken, was sie eben gehört hatte. Sie hatte die Ärztin nicht trösten können, war schweigend aufgestanden und gegangen. Es war etwas ganz Anderes, mit Eveline Gedanken darüber auszutauschen, warum eine Nachbarin so plötzlich gestorben war, als die Erklärung einer Ärztin dazu zu hören.
Plötzlicher Tod war hier im Haus am Kirchberg nichts Ungewöhnliches, alle, die hier wohnten, waren alt und viele waren krank. Was die Sache ungewöhnlich erscheinen ließ, war die Tatsache, dass der Sohn davon gesprochen hatte, dass die Mutter sie dringend zu sich gebeten hatte. Und die Ärztin wusste, dass es um eine Testamentsänderung ging.

„Warst du bei Frau Doktor Weise?“ Ruth hatte gezögert, ob sie den Anruf annehmen sollte. Aber sie kannte Eveline nur zu gut, sie würde nicht stillhalten.
„Ja, war ich.“
„Rede!“
„Nicht am Telefon, komm her.“
„So schlimm? Ich komme.“
Ruth räumte noch schnell die drei angefangenen Bücher vom Tisch und holte zwei Wassergläser aus der Vitrine. Ob sie noch Kaffee machen sollte? Da klingelte es heftig, Eveline stürzte herein, weiter ins Wohnzimmer, glitt in einen Sessel und sah Ruth erwartungsvoll an.
„Soll ich einen Kaffee machen?“
„Nein, nein, keine Umstände. Rede!“
Auch Ruth hatte Platz genommen, ihren ersten Satz hatte sie bereits geübt. „Es gibt Neuigkeiten“, sagte Ruth mit ernster Miene.
„Was du nicht sagst, nun rede schon.“
„Sie fürchtet, dass ihre Tante ermordet worden ist.“ Ruth lehnte sich in ihren Sessel zurück und wartete auf Eveline Reaktion. Leider hatte sie etwas übertrieben, von Mord war nicht die Rede gewesen.
„Und von wem? Warum? War sie bei der Polizei?“ Die erwartete Reaktion, Eveline wollte alles und sofort.
„Weiß sie nicht – wegen des Testamentes – nein.“ Ruth bot die Kurzfassung.
„Testamentsänderung, aha. Logisch. Das ist ein plausibler Grund. Und warum war sie nicht bei der Polizei?“
„Keine Ahnung, über die Polizei haben wir gar nicht gesprochen. Und schließlich ist es nur eine Vermutung. Die Tante war sehr schwer krank, herzkrank. Sie wäre wahrscheinlich in den nächsten Wochen gestorben. Aber vorher …“
„Ja, eine Testamentsänderung. Und die musste ihr Mann verhindern.“
„Plausibel.“ Aber sofort erinnerte sich Ruth daran, dass Hilde Wintzig wusste, dass Niemann gar nicht zu Hause gewesen war, als seine Frau starb. Sie informierte Eveline darüber und die beschwerte sich, dass sie ihr nicht sofort vom Verdacht der beiden Nachbarn erzählt hatte.
„Ja, und nun, wer hat ihr das Gift gegeben?“
„Gift?“
„Fingerhut.“
Es entstand eine Pause. Zwei Detektivgehirne beginnen zu arbeiten, dachte Ruth. Eveline war die erste, die wieder etwas sagte: „Sie könnte es auch selbst gewesen sein, sie könnte ihr eine höhere Dosis der üblichen Medizin gegeben haben. Nun hat sie Angst vor der Polizei und schweigt.“
„Das ist Unsinn, sie hätte gar nicht mit mir darüber sprechen müssen. Sie war sehr bedrückt. Ihre Tante hatte vielleicht von ihr Hilfe erwartet, aber sie konnte nicht, sie konnte nicht ihre Existenz aufs Spiel setzen. Sie wusste außerdem, dass die Tante ohnehin bald sterben würde.“
„Wer war es denn sonst? Vielleicht ist sie einfach so gestorben.“

Eveline hatte aufgegeben, war aufgestanden und gegangen. Bei Ruth hatte sich der Gedanke an Mord festgesetzt. Der Ehemann war nicht zu Hause gewesen. Vielleicht wollte er sich ein Alibi verschaffen? War nicht schön von ihm, seine kranke Frau allein zu lassen. War er im Zorn verreist, weil sie von der Testamentsänderung gesprochen hatte?
Da wäre einiges zu klären, wenn sie einen Mord nachweisen wollten. Halt. Stopp, liebe Ruth. Was soll das denn? Mord nachweisen. Was ging sie das denn überhaupt an. War das nicht Sache der Familie, wenn ein Verdacht bestand? Es war Sache der Polizei. Richtig. Hatte einer von denen etwas unternommen? Nein. Die Ärztin fürchtete sicher, als erste in Verdacht zu kommen – nämlich Sterbehilfe geleistet zu haben. Sie hatte alles zu verlieren. Die Söhne wollten ihren Vater nicht anklagen, wussten sicher, dass er gar nicht in der Nähe seiner Frau gewesen war. Vielleicht stammte ihre ablehnende Haltung daher, dass sie ihm das übelnahmen? Und vielleicht hatte Eveline Recht: Vielleicht ist sie tatsächlich einfach so gestorben.

Mitten in der Nacht schreckte Ruth hoch. Was war los? Was hatte sie geträumt? Wie immer – eine Erinnerung an den letzten Traum fand sie nicht. Es war noch dunkel draußen, es war noch Nacht. Sollte sie Licht anmachen und nach der Zeit sehen? Nein, besser nicht, aus Erfahrung wusste sie, dass dann an Einschlafen nicht zu denken war. Sie drehte sich auf die andere Seite und schlief ein. Dachte sie. Vor ihrem Auge erschien die Ärztin, Frau Doktor Weise. Eigentlich nur der Kopf, dahinter verschwamm alles. Sie sah Ruth ruhig an und Ruth schreckte wieder hoch. Diese Frau hatte von Mord oder von Ermorden gesprochen. Hatte sie das wirklich getan, oder bildete sie sich das jetzt ein? Hatte sie nur mit ihr darüber gesprochen? Warum? Brauchte sie Hilfe? Sicher quälte sie der Gedanke, dass jemand aus ihrer Verwandtschaft ein Mörder war. Der Ehemann, ihr Onkel, die Schwägerin, auch eine Tante von ihr? Also Menschen, die hier im Haus am Kirchberg wohnen. Also Menschen, die ihre eigenen Nachbarn waren. Das musste sie klären, sie musste noch einmal mit der Ärztin sprechen und fragen, wen sie verdächtigte. Vielleicht konnte sie sie dazu bewegen, zur Polizei zu gehen. Hatte sie irgendwelche Anhaltspunkte? Warum hatte sie nicht am Nachmittag danach gefragt?


Am Morgen überlegte Ruth, wie sie zu einem erneuten Gespräch mit der Ärztin kommen könnte. Sie in der Praxis aufzusuchen, wo vielleicht andere mithören würden, nein, das ging nicht. Bis morgen warten? Nein.
Die Frage löste sich von selbst: Frau Doktor Weise rief an und bat Ruth dringend, niemandem von ihren Gedanken zum Tod der Tante zu erzählen. Ruth versicherte ihr, dass sie das nicht tun würde und hatte ein schlechtes Gewissen: Eveline. Sie nahm ihren Mut zusammen und fragte: „Haben Sie selbst den Totenschein ausgestellt?“
„Nein, das habe ich nicht. Es wurde in unserer Praxis angerufen und ich bin natürlich ins Haus am Kirchberg gelaufen. Mein Onkel war nicht in der Wohnung, verreist, wie ich dann erfahren habe. Die Schwester, die meine Tante gefunden hatte, saß weinend da und wartete auf mich. Für den Totenschein habe ich einen Kollegen angerufen.“
„Hat denn irgendetwas in der Wohnung Sie auf den Verdacht gebracht, dass es nicht mit rechten Dingen zugegangen sein könnte?“ Ruth fand sich penetrant, aber dies war die Gelegenheit, etwas mehr zu erfahren.
„Nein, gar nichts, was denn auch. Auf ihrem Nachttisch lagen ihre üblichen Tabletten, daneben stand das Fläschchen Digitalis, eine homöopathische Mixtur, die sie zusätzlich einnahm. Ich halte nicht viel davon, aber sie dachte, dass das eine Unterstützung zu ihren normalen Medikamenten sein könnte. Ihre Schwägerin schwört darauf.“
„Und so eine zusätzliche Dosis richtet keinen Schaden an?“
„Nein, auf keinen Fall. Man muss halt dran glauben, dass es wirkt. Ich habe mir erst später Gedanken über den Ablauf gemacht. So wie sie da lag – sie war gewiss nicht friedlich eingeschlafen. Andererseits: Warum sollte sie Sterbehilfe in Anspruch nehmen, wenn sie doch dringende Pläne hatte.“
“Sie haben Recht, die Söhne waren gebeten worden, zu kommen.“ Ruth erinnerte sich an die Bemerkung des Sohnes am Samstag.
„Doktor Eberlein, mein Kollege, hat nichts weiter zu ihrem Zustand gesagt, hat den Totenschein ohne große Nachfragen ausgestellt. Er wusste, wie krank sie war.“

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