Freitag, 27. Oktober 2017

Heimliches Gift Kapitel 3 Ende


Das Ergebnis der Überlegungen war am frühen Mittwochnachmittag der Gang in den Praxisraum von Frau Dr. Weise unten in der Pflegeabteilung.

„Ich sag‘ es Ihnen noch einmal, so etwas ist Sache des Arztes. Das war eigenmächtiges Handeln. Dass Sie noch neu hier im Haus sind, das ist keine Entschuldigung. Sie haben doch eine Ausbildung, oder?“ Beim letzten Satz überschlug sich die Stimme von Dr. Weise.
Ruth war abrupt stehen geblieben, als sie durch die offene Tür die Auseinandersetzung mitbekam. Worum mochte es gehen? Sie scheute sich, weiter zu gehen, wollte niemanden in Verlegenheit bringen.
„Bitte melden Sie mich nicht der Geschäftsführung“, Ruth hörte die zitternde Stimme einer jungen Frau „ich hatte Mitleid mit der armen alten Frau, es sah so hässlich aus. Sie war tot und ihr ganzes Gesicht war bedeckt von Erbrochenem, auch ihr Nachthemd – das musste ich doch abwischen.“ Die Schwester schluchzte. „Ihre arme Tante.“
„Ja, ja, gut. Ich werde nichts melden. Sie haben Ihren Fehler gutgemacht, Sie haben mir das Fehlverhalten gestanden. Gut. Gut.“
Was war da los? Es entstand eine Pause, die Ärztin schien zu überlegen, was sie sagen sollte. Eine ziemlich lange Pause, Ruth trat den Rückzug an. Man musste sie hier nicht stehen sehen. Ging sie das etwas an? Ihre arme Tante. Ja, das ging sie etwas an. In ihrer Wohnung fuhr sie den Laptop hoch und überlegte sich eine Frage. Folge Vergiftung Digitalis. Das war’s. Dazu musste sie etwas wissen. Ein deutliches Zeichen war Erbrechen, davon hatte die junge Schwester gesprochen. Übrigens, das musste sie Eveline sagen, es ist der rote und nicht der blaue Fingerhut, der so giftig ist. Die Frage: Sterbehilfe oder Mord war damit nicht geklärt. Oder doch?

Ruth musste millimetergenau in der Tiefgarage rangieren, um nicht auf irgendetwas Abgestelltes aufzuprallen, diesmal ein Rollstuhl, herrenlos oder vielmehr damenlos, sie kannte ihn. Dabei hatte sie es eilig, sie hatte einen Festtermin für den herbstlichen Reifenwechsel. Der Weg über die Dörfer war ihr inzwischen geläufig, eigentlich nicht Dörfer, sondern Kleinstädte: Erkrath-Hochdahl, Haan und Hilden: ihr Ziel. Nur eine Viertelstunde Fahrzeit, also pünktlich.
Sie bekam einen Platz und Kaffee angeboten. Tiefe Sessel, echt Leder, wie leicht festzustellen war. Schicke Kaffeemaschine, tolle Kaffeetassen. Das alles für Smartbesitzer – Donnerwetter. Ein Blick auf die großformatigen Fotos an den Wänden des Warteraums ernüchterte sie: keine Smarts nur Mercedes-Karossen unterschiedlicher Größe und auf unterschiedlichen Schauplätzen. Ja, richtig, beide Fahrzeugarten gehörten zur selben Familie: Daimler. Nett, dass die armen Verwandten hier Platz nehmen durften.
Der Gedanke an Verwandte brachte Ruth zu ihren vielen Fragen zurück. Wer aus der Familie Niemann hatte es fertiggebracht, eine so nahe Verwandte wie Ehefrau oder Mutter oder Schwägerin – nicht verwandt, sondern verschwägert, fiel ihr ein – zu ermorden? Eveline hatte ganz andere Vorstellungen als sie selbst. Wer hatte Recht? Der Reifenwechsel war, wie angekündigt, eine Sache von Minuten¸ der Preis lag fest: 79 Euro. Wechsel und Lagerung.
Auf der Rückfahrt verbot Ruth sich weitere Überlegungen, sie musste auf den Verkehr achten, irgendwelche Patzer sollten ihr nicht mehr passieren. Es hatte sie neulich sehr deprimiert, dass sie jemand die Vorfahrt genommen hatte – nicht mit Absicht, sondern wegen Schusseligkeit. Nur ja keinen Unfall bauen, dann war der Führerschein weg, für alle Zeiten – in ihrem Alter. Nun hatte sie sich doch nicht konzentriert, sondern wieder an den Patzer gedacht. Aber sie kam heil zu Hause an, in der Tiefgarage. Die war ihr immer ein bisschen unheimlich, an vielen Stellen standen Dinge herum, die die Handwerker oder der Gärtner brauchten – und hinter denen sich jemand verstecken konnte.

Drei vergebliche Anrufe von Eveline kündigte die Sprachbox der Telekom an. Woher wussten die eigentlich immer genau, wann ein Teilnehmer nach Hause kam? Darüber hatten Eveline und sie immer mal wieder spekuliert – unter dem Motto „die größten Rätsel der Menschheit“. Oder hatten sie heute schon x-mal bei ihr angerufen, um Anrufe zu melden?
Eveline hatte wahrscheinlich weitere Überlegungen angestellt und wollte ihre Ergebnisse mitteilen. Jetzt nicht, sagte sich Ruth und hängte ihre Outdoorjacke zum Lüften auf. Nächster Schritt: Tässchen Kaffee. Dann Sessel und Beine hoch. Man war ja nicht mehr zwanzig – stehende Redensart zwischen Eveline und ihr.
Ruth brauchte eine Pause, sie musste erst einmal in Ruhe über das Gespräch in der Pflegeabteilung nachdenken. Geklärt war nichts.

Es galt, alle Möglichkeiten zu durchdenken. Die Grundfrage war doch: Sollte es eine Testamentsänderung geben? Bei nein konnte es Sterbehilfe oder Mord sein. Bei ja war Mord wahrscheinlicher. Denn wenn ich meine Söhne herbeirufe, um mit ihnen über das Testament zu sprechen und von ihnen Abschied zu nehmen, dann verschiebe ich die Sterbehilfe. Es sei denn – Ruth schreckte hoch – Frau Niemann hatte ihre Vertrauensperson darum gebeten, ihr nicht zu sagen, wann sie die tödlichen Tabletten nahm. Das konnte durchaus sein. Aber – hieß es nicht, es seien zwei verschiedene Tabletten erforderlich, um einen friedlichen Tod zu ermöglichen? Ja – der friedliche Tod: Den hatte die Ärmste nicht gehabt. Die Ärztin hatte gesagt, dass es kein friedlicher Tod gewesen sein konnte und heute hatte sie herausgefunden, dass es Spuren einer Vergiftung gegeben hatte. Und hatte die Ärztin nicht von der Testamentsänderung gesprochen? Sie sollte besonders bedacht werden. Dann wäre sie unschuldig. Umgekehrt? Dann hätte sie die Testamentsfrage gar nicht erwähnt.
Und die Söhne? Zumindest einer hatte nicht gewusst, warum er hergebeten worden war. Sein Bruder hätte es ihm sicher gesagt, wenn er es gewusst hätte. Hätte, hätte. Da blieb etwas offen. Sie waren beide erst nach dem Tod eingetroffen. Wirklich?
Die Schwägerin? Hätte sie denn einen Grund gehabt? Eveline meinte: ja. Zum Wohle ihres Bruders. Woher konnte sie von einer geplanten Testamentsänderung wissen? Konnte sie, denn die beiden waren doch enge Vertraute gewesen, Stichwort „Begleitservice“.

Ruth schwirrte das alles im Kopf herum, sie ging in die Küche, um einen Schluck Wasser zu trinken. Sie hob die Flasche, um in das Glas einzuschenken, das immer neben der Flasche stand. Plötzlich erstarrte sie, ein Gedanke blitzte durch ihren Kopf – die Flasche schwankte in ihrer Hand, zitterte über dem Glas und krachte zu Boden. MORD. Sie war sich ganz sicher: Es war ein Mord. Frau Niemann war ermordet worden. Es konnte gar nicht anders sein. Ruth stützte sich auf dem kleinen Sideboard in der Küche ab. Niemann! Er hatte seiner Frau Tabletten gegeben, die erst nach einer gewissen Zeit wirkten. Gab es so etwas? War dann abgereist, das Gift hatte gewirkt. Hatte die Folgen gehabt, die die Schwester beseitigt hatte. Was mögen das für Tabletten gewesen sein? Es gab nur eine Lösung für alle Fragen: Polizei.
Ruth starrte auf die Scherben und das immer noch sprudelnde Wasser. Gott sei Dank war die Flasche am späten Abend ziemlich leer gewesen, dachte sie, nüchtern wie sie nun einmal war. Aber dann begann sie, hysterisch zu schluchzen. Aus einem Gedankenspiel war Realität geworden. Sie rannte ins Schlafzimmer und warf sich aufs Bett. Dieser Vorstellung war sie nicht gewachsen.

„Bergmann“, meldete sich Ruth mit leiser Stimme, nachdem sie nach dem Telefon auf der Station an ihrem Bett gehangelt hatte.
„Ach, du bist doch mal zu Hause?“ Ein wenig schnippisch hörte sich das an. Verständlich, dachte Ruth – nach drei vergeblichen Anrufen. Friedlich antwortete sie: „Ich musste doch endlich mal die Winterreifen aufziehen lassen, ich war in Hilden.“
„Na, gut, verziehen. Übrigens – können wir nicht auch mal eine kleine Spritztour nach Hilden machen und die strata coloniensis suchen?“ Ruth war froh über die Ablenkung und meinte, das könnten sie in den nächsten Tagen machen. Sie hatte eine gewisse Vorstellung davon, wo sie die „Straße“ suchen könnten. Auf einer Internetseite sah sie allerdings aus wie ein matschiger Trampelpfad.
„Allzu viel dürfen wir nicht erwarten, viele Jahrhunderte sind drüber weggegangen.“
„Ja, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich kann mir vorstellen, wie es aussieht, ich habe mit Henk Römerstraßen in der Eifel gesucht. Nur Feldwege sind von den stolzen Römerstraßen übriggeblieben. Am Rande findet man Steine aus der unteren Packung der Straßen. Die haben wir als Trophäen mitgenommen, wir waren stolz darauf, dass wir einen Teil der Straße durch die Eifel gefunden hatten. Die von Trier nach Köln – und umgekehrt.“
„Keine Ahnung, wie das bei den Mittelalterstraßen aussieht. Wir können ja mal eine kleine Schaufel mitnehmen.“ Könnte spannend werden, dachte Ruth. Gleichzeitig dachte sie darüber nach, wie viel sie Eveline von ihren neuen Erkenntnissen mitteilen sollte.
„Wie geht es eigentlich weiter mit unseren Überlegungen zum ‚unerwarteten Tod‘?“
„Keine Ahnung“, sagte Ruth und schämte sich ein bisschen. Sie musste erst darüber nachdenken, ob sie Eveline in eine so gravierende Sache hineinziehen konnte. Sie war gesundheitlich immer noch nicht wieder auf der Höhe.
„Wir müssen uns morgen Abend wieder einmal zusammensetzen und unsere Puzzlesteine betrachten.“
„Wieso erst am Abend.“
„Computer-Club.“
„Ja, gut, also morgen Abend bei mir.“



„Ich habe mir was überlegt.“ Eveline hatte ihre Korridortür geöffnet und zog Ruth am Arm in ihre kleine Diele. „Es war Mord. Niemand aus der Familie, nein, jemand vom Begleitservice!“
Ruth war stehengeblieben und betrachtete Eveline skeptisch. Der Begleitservice? Und warum?
„Komm erstmal rein, ich habe uns ein kleines Abendessen gezaubert.“ Eveline ging an den kleinen Tisch vor dem Fenster, auf dem sie angerichtet hatte. Ruth folgte ihr, setzte sich und betrachtete ihre liebe Freundin weiterhin, ohne etwas zu sagen.
„Da bist du sprachlos, nicht wahr?“, fragte die und blickte Ruth erwartungsvoll an.
„Ja, wirklich. Das finde ich eine kühne Idee. Warum sollte ein völlig fremder Mensch …“ Ruth würde nie an Evelines Verstand zweifeln, an ihrem logischen Denken schon. „Wie soll es denn dazu gekommen sein?“
„Darüber müssen wir eben noch nachdenken. Man muss doch alle Möglichkeiten in Betracht ziehen. Und da war doch noch dieser Mann, der bei der Trauerfeier geweint hat …“
Eveline war und blieb sprunghaft, dachte Ruth. „Alle Möglichkeiten? Wie wärs denn mit der: Sie ist vom Blitz erschlagen worden?“
„Du nimmst mich nie ernst.“ Und nun konnte Eveline auch nicht ernst bleiben, sie sahen sich an und lachten beide, bis die Tränen kamen.
„Guten Appetit“, sagte Eveline. „Und am Ende ist es immer der Gärtner.“
Wie weiter? Das fragte sich Ruth, als sie wieder in ihrer eigenen Wohnung war. Eveline hatte ihre neuen Ideen nur ausgebreitet, um einen unterhaltenden Abend zu haben. In Wirklichkeit glaubte sie weiter daran, dass der unerwartete Tod nur durch eine Sterbehilfe eingetreten sein konnte. Die früheren Überlegungen zu Testamentsänderungen waren für sie anscheinend nur Gedankenspiele gewesen. Aber die Zeit der Gedankenspiele war vorbei.

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