Donnerstag, 26. Oktober 2017

Heimliches Gift weiter Kapitel 3


Ein ruhiger Herbsttag, sonntägliche Stille. Ruth stand am Fenster und betrachtete die letzten Nebelschleier, die noch in den Bäumen am Kirchberg hingen. Der Blick in die Ferne endete schon an den Bäumen, die in den Gärten der nahen Häuser standen. Sie musste sich stimmungsmäßig entscheiden zwischen „schön herbstlich“ und „trostlos“. Es gab keine Entscheidung – ihr Gefühl maulte: trostlos. Sie war in diese Seniorenwohnanlage eingezogen, um sich einen friedlichen Lebensabend zu sichern. Friedlich war er, sie musste sich um nichts kümmern, keine Hausarbeit, kein Waschtag, keine arbeitsreiche Sorge ums tägliche Brot. Das Mittagessen im Speisesaal war sozusagen Pflicht, für Frühstück und Abendessen kaufte man im nahegelegenen Edeka-Markt ein.

Das alles hatte seine Schattenseiten. Sie wohnte jetzt seit ungefähr einem Jahr hier. Durchschnittlich wurden jeden Monat fünf neue Bewohner begrüßt, sie konnte sich also leicht ausrechnen, wann niemand mehr von den Leuten lebte, die bei ihrem Einzug hier gewohnt hatten. Immer neue Gesichter bei den hausinternen Veranstaltungen: Lesungen, Konzerte der leichten und der ernsten Muse; hin und wieder zusätzliche Festessen wie gestern Abend. Ausflüge wurden immer weniger veranstaltet – wegen der steigenden Anzahl von Rollatoren. Das wurde allgemein beklagt. Trostlos.

Ruth wandte sich vom Fenster ab und ging an ihren Arbeitsplatz. Sie musste sich ablenken von den herbstlichen Gedanken. Und erst recht wollte sie nicht wieder das Thema Sterbehilfe in ihr Leben lassen. Morgen Abend wollten sie im „Geschichtsverein“ über die am Haus vorbeiführende strata coloniensis sprechen. Einer mittelalterlichen Handelsstraße zwischen Köln und Werden. Essen-Werden. Alte Straßen waren das Lieblingsthema von Friedhelm Angerhaus, dem netten Nachbarn, der den Geschichtsverein leitete. Er hatte sie längst angesteckt mit seiner Begeisterung für Straßen und ihre Geschichte. Ein bisschen Vorbereitung konnte nichts schaden. Und die lenkte ab von „trostlos“.



Auf dem Weg zum Raum Wuppertal, in dem der Geschichtsverein montags zusammenkam, fiel Ruth ein, dass Friedhelm und Hilde in der vorigen Woche das Thema Sterbehilfe angeschnitten hatten. Nicht in der Gruppe, sondern hinterher bei dem üblichen Gläschen Wein. Heute würde sie sich nicht in ein solches Gespräch verwickeln lassen. In ihren Gedanken spukte längst das Wort „Mord“.
Der Raum wirkte nicht gerade anheimelnd, gar nicht der Stil des Hauses, fand Ruth. Sah aus, als hätten sich lauter alte Möbel hier zusammengefunden. „Trostlos“ wäre auch hier durchaus angebracht. Wie anders hatte der Raum bei der Trauerfeier Niemann ausgesehen. Ruths Blick fiel auf die Kondolenzmappe, die auf dem Sideboard lag. Daneben ein Strauß Herbstblumen, Seide. An der übrigen Wand die Stühle, die nicht benötigt wurden. Sammelsurium.
In der Mitte des Raumes ein großer Tisch, Wassergläser und Wasserflaschen. Alte Leute müssen viel trinken. Ob sie mögen oder nicht. Um den Tisch herum ein paar Stühle, hier einheitlich. Den Vorsitz hatte wie immer Friedhelm Angerhaus, der Erfinder und Leiter dieser Gruppe, die er Geschichtsverein nannte. Rechts von ihm saß Hilde, Hilde Wintzig. Sie galt in der Gruppe als die Kompetenteste, nach Friedhelm natürlich. Schließlich war sie im Berufsleben Leiterin einer Volkshochschule gewesen. Links von Friedhelm hatte Ruth einen leer gewordenen Platz erobert. Neben ihr hatte sich mit einem leichten Stöhnen Ingeborg Heltrup niedergelassen, auch eine sehr engagierte Geschichtskundige. Düsseldorferin und kein Kind von Traurigkeit, wie Hilde von ihr sagte. Ruth lächelte ihr zu. Flüchtig kam ihr der Name „Ingelein“ in den Sinn. Ein Beitrag aus der Gerüchteküche: Ingelein hatte angeblich einen Escortservice geleitet, bevor sie in die Kosmetikbranche eingestiegen war. Soll alles sehr erfolgreich gewesen sein, ihre elegante Ausstattung sprach dafür.

Nachdem sich alle begrüßt und die eine oder andere wichtige Neuigkeit ausgetauscht hatten, griff Friedhelm zu einem mitgebrachten Löffelchen, klopfte an sein leeres Glas und eröffnete die „Sitzung“. Er schien guter Laune zu sein, oder sah das nur so aus, weil er immer so einen verschmitzten Ausdruck im Gesicht hatte. Ruth konnte ihn gut leiden, obwohl sie nicht immer einer Meinung waren. Es ging heute um die unterschiedlichen Trassen der inzwischen allseits bekannten strata coloniensis. Auf der Strecke von Köln nach Essen führte sie von Hochdahl aus über die Hügel des Niederbergischen Landes nach Norden. Ruth hatte sich bereits über Google kundig gemacht und versank in einen leichten Dämmerschlaf. Sie betrachtete die übrigen Teilnehmer der Runde: Das Ehepaar Overkamp, Winfried, der etwas Grämliche, und Brigitte, seine muntere Ehefrau mit den blonden Löckchen. Sie lachte über einen Scherz, den Friedhelm wohl gerade gemacht hatte, ihre Löckchen wippten im Takt, was Ruth immer sehr sympathisch fand. Daneben das Ehepaar Schmidt, beide über neunzig, geistig vollkommen auf der Höhe und wie immer interessiert lauschend. Sie stammten aus einem Nachbarort und hatten eigene Kenntnisse über ihre Heimat, die sie gerne teilten. Friedhelm war ehrlich erfreut über ihre Beiträge, das brachte ein wenig Leben in die Runde. Mehrere Plätze waren heute Abend leer geblieben. Ruth hatte ein schlechtes Gewissen, sie hatte versprochen, sich an Hanne zu wenden, um zu erkunden, ob sie im Geschichtsverein mitmachen wolle. Hatte es leider vergessen.



Am nächsten Morgen konnte Ruth ihr Versprechen einlösen, Hanne lief ihr vor dem Aufzug über den Weg. Sie schien von der Aufforderung zur Teilnahme geschmeichelt zu sein und versprach, Friedhelm Angerhaus anzurufen und ihm ihr Kommen zuzusagen.
„Hast du Lust auf eine Tasse Kaffee? Bis zum Mittagessen ist noch Zeit“, fragte sie.
„Ja, gern“, sagte Ruth und sie gingen zurück zu Hannes Wohnung. Hanne hatte ein großes Ein-Raum-Apartment gemietet, auch sie hatte den weiten Blick über die Kölner Bucht. Die Einrichtung machte einen verspielten Eindruck, helle Möbel, bunte Bezüge auf Sesseln und einem kleinen zweisitzigen Sofa. Wohl das Übliche in den kleinen Wohnungen im Haus im Kirchberg. Ruth gefiel dieser erste Eindruck und sie gratulierte Hanne zu ihrem Geschmack. Was der Stimmung zugutekam. Hanne freute sich sichtlich, dass sie Anschluss an eine Gruppe bekam, sie war noch nicht lange im Haus und hatte nicht allzu viele Kontakte, wie sie klagte.
„Du warst doch sicher erstaunt, gleich zwei frühere Kollegen zu treffen“, fragte Ruth und Hanne meinte, dass das nicht so erstaunlich sei, weil es nur wenige ansprechende Senioren-Wohnanlagen in der Gegend gibt.
„Hast du gehört, dass über den Tod von Niemanns Frau gemunkelt wird? Es ist von Sterbehilfe die Rede.“ Die Bemerkung war Ruth herausgerutscht, als sie sich in einem der Sessel niederließ. Aber es tat ihr nicht leid.
„Ach, hast du auch davon gehört?“, antwortete Hanne und begab sich in die kleine Küche, um den Kaffee aufzugießen. Ruth sah hinter ihr her und dachte – woher mag sie es haben? Es dauerte eine ganze Weile, ehe Hanne mit dem Kaffee kam, die Tassen aus der Vitrine nahm und eingoss.
„Woher mag die Idee kommen?“
„Plötzlich und unerwartet, so steht es in der Todesanzeige“, antwortete Ruth.
„Sie war seit langem krank. Warum die Söhne diese Formulierung für die Todesanzeige gewählt haben, weiß ich nicht.“ Pause. „Sie haben Kurt alle Formalitäten abgenommen, er war doch sehr erschüttert.“
„Kurt?“
„Ja, Kurt. Wir duzen uns seit langem. Wir sprechen hin und wieder miteinander.“
„Und was meint er?“
„Er hält es für möglich, sie hatte wohl davon gesprochen, ihre Nichte um Hilfe zu bitten.“
„Frau Doktor Weise?“
„Ja.“
Ruth überlegte, ob sie über ihre eigene Unterhaltung mit der Ärztin sprechen sollte, ließ es dann. Man erfuhr mehr, wenn man zuhörte, als wenn man selber redete. Das wusste sie aus ihrer Zeit als Finanzbeamtin sehr gut. Aber Hanne hatte diese Erfahrung ebenfalls und so wurde nichts aus einer Unterhaltung über den Tod von Frau Niemann.
Eher über das Leben der Dame. Hanne erzählte mit einer gewissen Gehässigkeit von einem sehr losen Leben der beiden Damen, Ehefrau und Schwester. Von der Inanspruchnahme eines Begleitservices „gepflegter älterer Herren“ war die Rede. Oper, Restaurantbesuche und so weiter. Offene Ehe, dachte Ruth bei sich und fragte sich, was wohl mit „und so weiter“ gemeint war.

Beim Mittagessen konnte Ruth ihrer Freundin Eveline die Neuigkeit mitteilen, dass Hanne Hauser offen zugab, dass sie mit Niemann Kontakt hatte. Was die Tote betraf, so ließ sie es bei der Bemerkung, dass sie wohl ein „loses“ Leben geführt habe, zusammen mit der Schwägerin.
„Das habe ich mir doch gedacht“, triumphierte Eveline. Und sie holte ihren Spruch wieder hervor: Alte Liebe rostet nicht. Er hat sich auf diese Weise schadlos gehalten. Und: „Der Witwer verdächtigt also auch die Nichte!“ Eveline obenauf.
„Das hat Hanne nicht gesagt und ich kann mich mit dem Gedanken nicht anfreunden. Warum sollte sie? Und warum unternimmt der Witwer nichts? Na, ja, der Tod kommt ihm zugute, er erbt.“ Ruth schnippelte an ihrem Bratenstück herum, als müsste sie einem Problem zu Leibe rücken. Sie sah, dass Eveline sie aufmerksam beobachtete.
„Als Alternative kommt nur Mord in Frage.“ Ja.

Schweigend ging das Mittagessen zu Ende. Ruth rüstete sich für ihre Fahrt zum Computer-Club. Und auf der ganzen Fahrt gab es nur einen Gedanken: JA.

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